Die Rettung der Ampelmännchen

Die Rettung der Ampelmännchen

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. So haben die verschiedensten Umstände dazu geführt, dass der Designer Markus Heckhausen (heute Geschäftsführer von AMPELMANN) die beiden Ost-Ampelmännchen retten und vor der Abwicklung bewahren konnte.

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Designer gehen mit offenen Augen durch die Welt. Besonders interessant sind für sie fremde Länder, in denen vertraute Dinge anders gestaltet sind. „So ein unbekanntes Land betrat ich Ende der achtziger Jahre“, erzählt Heckhausen. Im November 1988 nahm er mit drei Studienfreunden an einem Designkongress in Westberlin teil.

Markus Heckhausen macht eine Entdeckung

Viel spannender aber war „der Osten“ im geteilten Berlin. „Für uns war die fremde Welt der Ostteil der Stadt. Mit einem Tagesvisum fuhren wir über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Unser erstes Ziel war der Alexanderplatz, mit Weltzeituhr und Fernsehturm der bekannteste Platz in Ost-Berlin: weitläufig und leer.“ Heckhausen war fasziniert.

Dort bin ich ihnen zum ersten Mail begegnet: den Ampelmännchen.

–Markus Heckhausen erinnert sich

„Sie waren rot und grün, wie ihre Kollegen aus dem Westen und trotzdem ganz anders. Ihre kindliche Gestalt mit großem Kopf und kurzen Beinen wirkte freundlich und gemütlich – ein leuchtend farbiger Kontrast zu dem grauen Platz auf dem sie standen. Der breitbackige Rote, der trotz seines Tropenhelmes an einen Pfarrer erinnert, breitet seine Arme aus, als wolle er die ganze Welt darin aufnehmen und stoppt freundlich die Nachzügler am Überweg. Der lustige Grüne dagegen schreitet energievoll voran, als ginge er stets mit den Hinübereilenden.“

Der Mauerfall hat alles verändert: die Stadt Berlin, unser aller Lebensgefühl, die Welt von Markus Heckhausen und von so vielen.

Berlin im Umbruch

Die alternative Kunst- und Kulturszene erlebte eine Blütezeit. Besonders im Osten der Stadt konnte sie Fuß fassen, ungehindert von Bürokratie und staatlicher Ordnungsmacht: „Ost-Berlin war leer, plakatfrei, wie ein unbeschriebenes Blatt, das nur darauf wartete, beschrieben zu werden. Künstler hatten Werkstätten eröffnet und es entstanden jede Menge neue Galerien, meist in besetzten Räumen“, so Heckhausen. „Die ,Überbleibsel‘ aus der DDR waren für uns kostbare Fundstücke. Wandbeschriftungen, Werbe- und Straßenschilder, alles was wir sahen und was auf das Leben in der DDR verwies, war spannend für uns. Wir sammelten diese Dinge, verwerteten sie, untersuchten sie, machten etwas Neues daraus. Ich hatte ein Riesenglück mit den Ampeln. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit offenen Augen. Ich sah diese tollen Ampeln kaputtgehen und fand das einfach wahnsinnig schade. Da musste ich halt aktiv werden.“

Ein paar Beispiele, die weit über Berlin hinaus bekannt wurden:

  • Die Künstlerinitiative Tacheles rettete die imposante Kaufhausruine in der Oranienburger Straße vor dem Abriss. Auf dem Areal gab es alles, was Kreative brauchten: jede Menge Ateliers, Bühnen, ein Kino, Cafés und Bars und im riesigen Biergarten steckte sogar ein russisches Kampfflugzeug im Mauerwerk.
  • Die Clubszene von Mitte: „Vor dem Mauerfall hatte man lange nach einer Bar suchen müssen, jetzt öffnete jeden Tag eine neue, mal mit, mal ohne Schanklizenz. Manche hielten sich nur ein paar Wochen, einige, wie das Café Cinema, gibt es noch heute. In leerstehenden Gebäuden machten legendäre Clubs auf, der Eimer, das WMF, der Bunker, der Tresor und das E-Werk“ (Markus Heckhausen).
  • Die Reichstagsverhüllung: Im Juni 1999 verhüllten Jeanne-Claude und Christo den Berliner Reichstag komplett mit silbernem Stoff. 24 Jahre hatten sie für ihr Projekt gekämpft und konnten es nun, im wiedervereinten Deutschland, verwirklichen. Natürlich war Markus Heckhausen am 24. Juni 1995 vor Ort. Und auch schon vorher: „Ich war einer der freiwilligen Helfer und vom ersten Tag an dabei.“

Aber es gab auch eine andere Seite. Im Gespräch mit Nachbarn, Bekannten, ehemaligen DDR-Bürgern spürte Markus Heckhausen bald den „wachsenden Frust“. Nach der Euphorie der Einheitsfeiern hatte der nüchterne Alltag begonnen. Die über 40 Jahre getrennten Gesellschaften sollten zusammenwachsen – doch das geht nicht auf Kommando: „Die Menschen hier waren über Nacht zu Bundesbürgern geworden und hatten vieles von dem, was sie ein Leben lang begleitet hatte, für die verlockenden Dinge aus dem Westen aufgegeben oder verloren.“ Arbeitsplätze und viele vertraute DDR-Einrichtungen fielen weg.

Ampel ohne Ampelmännchen?

Als auch noch die freundlichen ostdeutschen Fußgängerampeln abgebaut wurden, ärgerte er sich. Beflügelt vom kreativen Aufbruch um ihn herum, hatte Heckhausen die Idee: aus den „als nutzlos abgestempelten Ampeln“ sein Produkt zu machen. Als vor seinen Augen wieder eine Ampel, diesmal am Rosenthaler Platz, abgebaut wurde, sicherte er sich kurzerhand das farbige Ampelglas.

Da gab es eine charaktervolle, humorvolle Figur im öffentlichen Raum und die sollte verschwinden?

– Markus Heckhausen

Auf dem Dach seiner Wohnung in der Auguststraße fertigte Markus Heckhausen das erste AMPELMANN Produkt: die AMPELLEUCHTE.

Wie würde das Publikum Heckhausens Ampelleuchte aufnehmen? „Anlässlich des monatlichen Galerienrundgangs in Mitte funktionierte ich den Hauseingang unseres Hauses zur Ampelmännchengalerie um und präsentierte dort meine ersten sechs Modelle. Die zustimmende Reaktion erleichterte mich sehr!“ Das ermunterte ihn, weiterzumachen.

Auch die Presse wurde aufmerksam. Stadtzeitungen und ein Boulevard-Blatt druckten ganzseitige Artikel.

„Im Sommer 1996 bekam ich einen Anruf: Ob ich den Erfinder des Ampelmännchens kennenlernen möchte?“ Natürlich wollte Markus Heckhausen: der Beginn einer wunderbar freundschaftlichen Zusammenarbeit.

Samstag 15 Uhr zum Kaffee: auf nach Pankow

„Karl war misstrauisch – er hielt mich zunächst wohl für einen westdeutschen Journalisten und hatte bereits schlechte Erfahrung mit der neuen Presse gemacht.“ Doch ein Blick ins Branchenbuch versicherte ihm, dass Markus tatsächlich Produktdesigner war. Prompt bekam ich eine Einladung zum Kaffeetrinken“. Auch wenn es aufgrund seiner anderen „Nationalität“ eine Weile dauerte: „Aus diesem ersten Kaffeetrinken bei Peglaus in Pankow wurde eine Freundschaft und Geschäftspartnerschaft bis zu Karls Tod 2009“.

Je mehr Karl Peglau damals von der Geschichte des Ampelmännchens erzählte, umso mehr wuchs in Markus Heckhausen der Wunsch, dieses einmalige Wissen zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – in Form eines Buches. Darin bereitet Markus Heckhausen die Geschichte des Ost-Ampelmännchens fundiert auf und bettet sie ein in den historischen Gesamtkontext, in die gesellschaftlichen Umbrüche, wie er selbst sie erlebt hat: BRD- und DDR-Zeit, Mauerfall, Wiedervereinigung und Vereinnahmungen, Kunst und Kultur in Berlin-Mitte.

Vor diesem Hintergrund nähert er sich dem Ampelmännchen-Erfinder behutsam an: „Mir war es sehr wichtig, Karl in meine Arbeit einzubeziehen. Wir unterzeichneten einen Vertrag zur Nutzung seiner Urheberrechte. Karl blühte durch diese unverhoffte späte Anerkennung auf. Ihm war es wie vielen anderen DDR-Bürgern ergangen: Nach dem Mauerfall war seine Arbeit von einem auf den anderen Tag wegrationalisiert worden und so saß er mit all seiner Kompetenz zu Hause und grollte dem Gang der Geschichte.“

Da kam Heckhausens Buchprojekt wie gerufen. Karl Peglau stürzte sich in die Recherchen, Seite an Seite mit Markus Heckhausen: „Durch die Pressemeldungen und Kampagnen interessierten sich nun auch Politiker für das Ampelmännchen. Wenig später wurde der weitere Abbau der Fußgängerampeln in der ehemaligen DDR gestoppt. Die Ampelmännchen waren gerettet!“

Für AMPELMANN Chef Markus Heckhausen ist die Kooperation und Freundschaft mit Karl Peglau und dessen Frau der tiefgreifendste und persönlichste Teil seiner Firmengeschichte wie seiner persönlichen Berlin-Biografie. Er sieht sich dem Vater der Ampelmännchen verpflichtet und führt AMPELMANN wie eine Familie, die sich gemeinsam um das Wohl und den Fortbestand ihrer Leitfigur kümmert. Dazu gehört selbstverständlich nach wie vor Hildegard Peglau, die das Team am heutigen Sitz in der Sophienstraße regelmäßig besucht – und damals das Kaffeetrinken in Pankow mit ihrem Charme begleitete.

Von der Kult- zur Kulturmarke

Und AMPELMANN heute? Die ständig wachsende Produktpalette mit den Berliner Ampelmännchen und die intensive Öffentlichkeitsarbeit des Teams haben die Berliner Kultfiguren im In- und Ausland populär gemacht. Durch konsequenten Markenschutz und Lizenzarbeit ist AMPELMANN inzwischen eine bekannte Berliner Marke geworden.

Karl Peglau, der Vater des Ampelmännchens und Kooperationspartner von Markus Heckhausen, starb 82-jährig am 29. November 2009. Nur durch die vertrauensvolle gemeinsame Arbeit konnten die Figuren aus der DDR-Ampel einen so hohen Grad an Bekanntheit und Beliebtheit erreichen – quer durch alle Bevölkerungsschichten.